Einführungstext für Erwachsene

 

  Anleitung zur Förderung eines Genies


„Übrigens benachrichte, dass den 27 Januarii abends um 8 uhr die meinige mit einem Buben zwar glücklich entbunden worden. Die Nachgeburt aber hat man ihr wegnehmen müssen. Sie war folglich erstaunlich schwach. Itzt aber – Gott sey dank - befinden sich kind und Mutter gut. Sie empfiehlt sich beyderseyts. Der Bub heißt Joannes Chrisostomus, Wolgang, Gottlieb.“ (Brief des Vaters Leopold Mozart vom 9. Februar 1756 an den Verleger seiner berühmten Abhandlung „Versuch einer gründlichen Violinschule“)
Die erste schriftliche Erwähnung Wolfgang Amadé Mozarts.
Der Vater, seinerzeit ein berühmter Pädagoge und Kapellmeister stand gerade mit seinem Verleger Johann Jacob Lotter in regem Briefwechsel, da noch die letzten Korrekturen vor der Veröffentlichung seiner Violinschule anstanden. Gerade der Tatsache, dass Vater Mozart ein Pädagoge aus Leidenschaft war, noch dazu hellsichtig genug, die Begabungen seiner Kinder rechtzeitig zu entdecken und sie nicht nur entsprechend zu fordern, sondern auch geschickt zu fördern, hat die Musikwelt Wesentliches zu verdanken.

Natürlich war Wolfgang Amadé ein Genie. Das machte die Sache aber nicht gerade einfacher! Wie um alles in der Welt unterrichtet man ein Genie? Muß man das überhaupt? Die Antwort ist: JA. Er ist in seinem Leben durch die Schulen vieler wichtiger Musiker gegangen. Zwar nicht als immatrikulierter Student an einer Musikhochschule, aber auf seinen zahlreichen Reisen als Kind und junger Mann. Zu seinen Lehrmeistern gehörte sein Vater, Johann Christian Bach, indirekt auch Carl Phillip Emmanuel und Johann Sebastian Bach, Padre Martini aus Bologna. Daneben aber zahlreiche andere Konfrontationen mit verschiedensten musikalischen Persönlichkeiten, Orchestern wie zum Beispiel dem in Mannheim, seine Aufenthalte in Wien, Paris oder Italien generell. Als Musiker aus Passion war er selbstverständlich stets offen für neue Impulse und Inspirationen, immer am Lernen.

Denn nicht einmal Mozart hat bereits mit vier Jahren die Zauberflöte geschrieben.
Aber „Diese vorhergehende 8 Menuet hat der Wolfgangerl im 4. Jahr gelernet“ schreibt Leopold Mozart voller Stolz in ein kleines Heftchen, das im Nachhinein zu einem der wichtigsten Kleinodien der Mozartforschung geworden ist. Das war 1760.
Ein Jahr vorher hatte die „große“ Schwester Maria Anna, genannt „Nannerl“ ein eigenes Notenbüchlein von ihrem Papa erhalten, in dem allerlei kleine Komposition eingetragen wurden, die zu lernen waren. Sozusagen eine flexible Klavierschule, die nach und nach entstand, in dem auch Musiktheorie behandelt wurde. Denn damals gehörte eine umfassende Musikausbildung wie selbstverständlich dazu, zumindest bei Papa Mozart.
Und sogar „das Wolferl“ musste überhaupt erst einmal Noten lesen lernen. So hat er seine ersten kleinen Stückchen nach dem Gehör zu spielen gelernt. Kurz darauf fing er auch an, zu improvisieren. (Dabei haben ihm besonders Terzen gut gefallen!) Er konnte stundenlang am Cembalo sitzen (damals gab es keine Klaviere wie heute) und fantasieren. Wenn dem Vater dann etwas außerordentlich gut gefiel, schrieb er es auf und so finden wir in diesem kostbaren „Notenbuch für Marie Anne Mozart von 1759“ einige der ersten Clavierstücke, die in W. A. Mozarts kleinem Kopf entstanden sind!
Verantwortungsbewusst wie der Vater war, wird er hier auch schon gewissermaßen mit dem „Kompositionsunterricht“ begonnen und ihn auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam gemacht haben. Einige Monate später konnte der Kleine aber auch schon Noten lesen und schreiben. In diesem Heftchen finden wir Mozarts erste erhaltene, Werke für Klavier: KV 1a-f. Vom Vater dokumentiert als „Des Wolfgangerl Compositiones in den ersten Monaten nach seinem 5ten Jahre.“ Es folgen noch KV 2-5 und noch zwei Klavierstücke, die später als KV 9a und 9b (als Fragment) nummeriert wurden und die als erste, noch existierende Autographe Mozarts gelten.

Nun geht es in die weite Welt. Die Konzertreisen beginnen.
Januar 1762 – München beim bayerischen Kurfürsten Max Joseph III.
September 1762 – die berühmte Reise nach Wien an den kaiserlichen Hof
(das war da, wo Mozart seinen ersten Heiratsantrag ausgesprochen hatte – keiner Minderen als der gleichaltrigen Prinzessin Marie-Antoinette, die ihm aufhalf, als er auf dem glatten Parkett beim Fangen spielen ausgerutscht und auf die Nase gefallen war, und der er als Dank schon mal einen Kuß gegeben hatte!)

Die Reise verlief über Passau, dann auf der Donau über Linz nach Wien. Von unterwegs lauter Erfolgsmeldungen an den Vertrauensfreund Hagenauer in Salzburg: „Meine Kinder setzen übrigens alles in Verwunderung; sonderheitlich der Bub“.

In Wien entsteht u.a. der Kontakt zu einem französischen Botschafter, der L. Mozart rät, unbedingt nach Paris zu reisen.
Am 9. Juni 1763 reisen die Mozarts (immer die ganze Familie!) von Salzburg in Richtung Paris, wo sie am 18. November ankommen. Was sie jedoch nicht ahnen, ist dass diese Reise insgesamt dreieinhalb Jahre wären und London eine der wichtigsten Stationen im Leben W. A. Mozarts sein wird.
Man muß sich einmal die Situation des Vaters vergegenwärtigen. Bis Januar 1762 war er nie über Augsburg oder Salzburg hinaus unterwegs gewesen. Er lässt seine Anstellung als Kapellmeister und einen ganzen Schülerstamm für unbestimmte Zeit hinter sich und widmet sich der Förderung seiner Kinder. Für ihn stets eine selbstverständliche Verpflichtung Gott gegenüber, dem er die einzigartige Begabung der Kinder verdankte. Aus diesem tiefen Glauben heraus wohl nahm er die Kraft und entwickelte ungeahnte Fähigkeiten nicht nur als Pädagoge und Erzieher. Noch dazu wurde er ein perfekter Organisator der vielen Reisen und ein echter Impressario. Stellvertretend für seinen Scharfsinn sei hier nur ein Brief-Zitat erwähnt: „Man muß die Hände beständig im Geldbeutel, und seine 5. Sünnen immer wohl beysammen, und ohnaufhörlich einen Plan auf viele Monate hinein vor Augen haben; einen Plan aber, den man nach Veränderung der Umstände, auch gleich verändern kann.“
Es entsteht eine beeindruckende Liste von Kontaktadressen, die auch langfristig „nützlich“ sein wird. Die für die Karriere wichtigste Bekanntschaft der Reise wird aber Baron von Grimm: „Nun müssen sie aber auch wissen wer dieser Man ist, dieser mein grosser Freund, von dem ich hier alles habe, dieser Mr: Grimm. Er ist ... ein grosser Menschenfreund. Alle meine übrigen Briefe und Recomendationen waren nichts ... Der einzige Mr: grimm, an den ich von einer KaufmannsFrau in Frankfurt einen Brief hatte, hat alles gethan. Er hat die Sache nach Hofe gebracht; er hat das erste Concert besorget, und er allein hat mir 80. Louis d’or bezahlt, folglich 320. Billets versorget, und noch die illumination in Wachs bezahlt, da über 60. Stück tafel Kerzen gebrennt haben; Nun dieser Grimm hat die Erlaubnis des Concerts ausgewürcket, und wird nun auch das zweyte besorgen, wozu schon über 100 Billets ausgetheilt sind. Sehen sie was ein Mensch kann der vernunft und ein gutes herz hat....“ (Brief Leopold Mozarts)
Da sieht man einmal, wie wichtig schon immer eine gut funktionierende PR-Arbeit und großzügige Mäzene (Sponsoren) waren!
Grimm haben wir es auch zu verdanken, dass im April 1764 die ersten Werke W. A. Mozarts in Druck gehen. Das sind die Sonaten KV 6 bis KV 9, die sowohl nur auf dem Klavier (damals Cembalo) als auch „in Begleitung einer Violine“ gespielt werden können. Teile davon wurden schon in einer einfacheren Version in „Nannerls Notenbuch“ notiert und anlässlich der Veröffentlichung überarbeitet. Der stolze Papa: „Stellen sie sich den lermen für, den diese Sonaten in der Welt machen werden, wann am Titelblat stehet daß es ein Werk eines Kindes von 7 Jahren ist, ...

Bestätigt durch die Pariser Triumphe steht auch schon der Plan fest, weiter nach London zu reisen. Nachdem Grimm auch hier schon im Voraus die Werbetrommel gerührt hatte, war auch London im Sturm erobert. Schon 5 Tage nach der Ankunft wurden sie bei Hofe empfangen und Wolfgang Amadé dem „Musicmaster“ der Queen, dem berühmten Londoner Bach, jüngster Sohn Johann Sebastian Bachs vorgestellt.
Es gibt zahlreiche Anekdoten aus dieser Zeit. Wichtig aber und in den, in dieser Zeit entstandenen Werken hörbar, ist, der ungeheure Einfluß, den diese Persönlichkeit für immer auf den jungen Mozart ausgeübt hat. Vieles, was wir im Nachhinein als so typisch „mozartisch“ empfinden, finden wir in der Anlage in den Werken Johann Christian Bachs. Exemplarisch sei hier seine Sammlung von 6 Sonaten op. 5 erwähnt, die Mozart sehr beeindruckt haben müssen, da sie ihn nicht nur zu einer Sammlung von 6 Sonaten KV 10-15 inspirierten (so wie die früheren auch für Cembalo mit der möglichen Begleitung einer Violine und später sogar auch eines Violoncellos), die er dann selbstbewusst der Königin persönlich gewidmet hat. Er hatte sie auch auf seiner Rückreise im Gepäck und hatte sich von drei der Sonaten Bearbeitungen mit Streichern angefertigt, die es ihm erlaubten, diese Sonaten in Zukunft auch als Klavierkonzerte aufzuführen.
Kurz darauf erkrankte Vater Mozart schwer und die Familie zieht für einige Monate in den Londoner Vorort Chelsea. Bis hierher ist mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass Mozarts Kompositionen nicht ohne die Aufsicht und eventueller Korrekturen seitens des Vaters entstanden waren. Jetzt aber, zum ersten Mal, ist er ganz auf sich allein gestellt. Der Vater schenkt ihm ein eigenes Notenbuch mit der Aufschrift „di Wolfgango Mozart à Londra 1764“! Er muß nicht mehr in das der älteren Schwester schreiben und erhält „sein eigenes Reich“, in dem er tun und lassen kann, was er will. Der Vater kann und will auch nichts kontrollieren.
Was hier entsteht, ist das zweite Kleinod unter den Mozart-Manuskripten: „Das Londoner Skizzenbuch“. Es sind zum Teil echte Studien, nicht für die öffentliche Aufführung gedacht. Aber es gibt aber unter ihnen auch die ein oder anderen „typischen kleinen Mozarte“.

Am 1. August 1765 tritt Familie Mozart die Rückreise an, die mehr als ein Jahr dauern wird. Erst am 29. November 1766 sind sie wieder zu Hause.
Natürlich nahm man nicht den direkten Wege. Die Reise ging über Brüssel, Den Haag, Amsterdam, Lausanne und Zürich endlich nach Salzburg.

Während des Aufenthaltes in Holland, selbstverständlich wieder mit einem Besuch am Königshof, entstanden anlässlich der „Installation Seiner Durchlauchtigen Hoheit Willem V. Prinzen von Oranien“ die beiden Variationswerke KV 24 und KV 25. Für KV 24 wurde eigens von C. E. Graaf ein holländisches Lied geschrieben und das Lied Wilhelmus van Nassau, Thema von KV 25, war die holländische Nationalhymne.

In Zürich endlich entstand eines der goldigsten Klavierstücke des jungen Mozart. Das „Clavierstück in F KV 33b“.
Er hatte es mit Bleistift auf die Rückseite eines Sitzungsprotokolls des Zürcher Musikkollegiums notiert, das als Rundschreiben (sog. „Werbezirkular“), mit dem 30. September 1766 datiert, an Interessenten, Gönner und Liebhaber verschickt wurde. Eine Einladung zu den Konzerten der Kinder am 7. und 9. Oktober 1766 im Musiksaal.

Abschließend sei hier bezeichnenderweise der heute für uns, auch inhaltlich äußerst kurios anmutende Wortlaut der Einladung wiedergegeben:

Da vor ein paar Tagen der an den vornehmsten Höfen in Europa zu seinem Ruhm bekannt gewordene, und in verschiedenen Zeitungen und Journalen zur Verwunderung angepriesene junge Hr. Mozart, ein 9-jähriger Virtuos in der Composition und auf dem Clavier, - desgleichen seine 14 – jährige Jfr. Schwester, so auch das Clavier spielt, beyde mit ihrem Herren Vater, dem Herren Cappelmeister Mozart von Salzburg hier angekommen, so ist Ihnen auf Ihr Begehren und mitgebrachte gar gute Recomendationen hin von Einem Lobl. Collegio auf dem Music-Saal erlaubt worden, könfftigen Dienstag den 7t und Donnerstag den 9t Octobris sich auf dem gedachten Music-Saal offentlich hören zu lassen. ...

Actuarius Ott